{"id":8913,"date":"2021-09-15T18:51:56","date_gmt":"2021-09-15T16:51:56","guid":{"rendered":"https:\/\/drinktec-blog.b-rex.de\/?p=8913"},"modified":"2021-09-15T18:51:58","modified_gmt":"2021-09-15T16:51:58","slug":"ki-bier-kuenstliche-intelligenz-braut-bier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/drinktec-blog.b-rex.de\/de\/bier\/ki-bier-kuenstliche-intelligenz-braut-bier\/","title":{"rendered":"KI-Bier: K\u00fcnstliche Intelligenz braut Bier"},"content":{"rendered":"\n
Adrian Minnig, technischer Leiter der Schweizer Mikrobrauerei MN Brew, ist auf Tradition bedacht. Doch seit Neuestem greift er bei der Rezeptentwicklung auch auf k\u00fcnstliche Intelligenz zur\u00fcck. Im Interview spricht er \u00fcber seine Erfahrungen und die ersten Gehversuche beim KI-Bier in der Brauerei.<\/strong><\/p>\n\n\n\n Herr Minnig, stellen Sie uns bitte zun\u00e4chst Ihre Brauerei MN Brew vor?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Unsere Brauerei ist wirklich klein. Wir bilden zwar ein Team von insgesamt sechs Mitarbeitern, sind aber f\u00fcr die Brauerei alle nur im Nebenberuf t\u00e4tig. Wobei man noch nicht einmal von einem richtigen Nebenberuf sprechen sollte. Eigentlich betreiben wir die Brauerei als Hobby<\/a> und sind alle in Vollzeit in einem anderen Job besch\u00e4ftigt. Vom Zeitaufwand muss man allerdings sagen, dass es sich um ein ziemlich ambitioniertes Hobby handelt. Zusammengelegt investieren wir zurzeit gesch\u00e4tzt zwei Stellen in Vollzeit in die Brauerei.<\/p>\n\n\n\n Entstanden sind wir 2015 aus einer Schnapsidee heraus. Einer aus unserem Team wollte urspr\u00fcnglich Whisky herstellen. Er ist dann darauf gekommen, dass er daf\u00fcr zuerst Bier produzieren m\u00fcsste. Oder zumindest etwas Bier\u00e4hnliches. Und so hat er angefangen, auf einem 30-Liter-Heimbrausystem Bier zu brauen. In der Folge sind immer mehr Leute zum Team dazugesto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n Unsere erste eigene Brauanlage haben wir aus Edelstahl-T\u00f6pfen selbst gebaut und automatisiert. Wir haben uns dann aber sehr schnell \u2013 im Jahr 2017 \u2013 ein professionelles 500-Liter-Sudhaus gekauft und dazu vier G\u00e4rtanks. Auf dieser Anlage arbeiten wir bis heute.<\/p>\n\n\n\n Und wir machen in der Brauerei wirklich alles selbst<\/a> – vom Brauen, Abf\u00fcllen bis zum Etikettieren, alles bei uns in unseren 120 Quadratmetern. Wenn es f\u00fcr uns gut l\u00e4uft, dann brauen wir einmal w\u00f6chentlich, im letzten Jahr war es wegen Corona nat\u00fcrlich etwas weniger.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n Adrian Minnig ist technischer Leiter der Mikrobrauerei MN Brew, Rothenburg, Schweiz. Er setzt dort die \u201eelektrischen Ideen\u201c um. Wenn Minnig nicht in der Brauerei steht, ist er als Logistics Engineer in einem milit\u00e4rischen Unterhaltsbetreib t\u00e4tig.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n Lassen Sie uns \u00fcber \u201eDeeper\u201c reden, das Bier, das Sie mithilfe k\u00fcnstlicher Intelligenz gebraut haben. Wie sind Sie als regionale, hobbym\u00e4\u00dfig betriebene <\/em><\/strong>Craft Bier<\/em><\/strong><\/a>-Brauerei (Biermanufaktur) zu diesem Projekt gekommen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Einer aus unserem Team ist an der Hochschule Luzern als technischer Mitarbeiter angestellt. \u00dcber seine Anstellung an der Hochschule ist der Kontakt zu Kevin Kuhn, dem Initiator des KI-Projekts, zustande gekommen. Kuhn wusste, dass wir auch schon vorher oft mit der Hochschule zusammengearbeitet haben, vor allem in Kunstprojekten f\u00fcr die Gestaltung unserer Etiketten. Er wollte wissen, ob wir die M\u00f6glichkeit sehen, in dem Projekt zum Bierbrauen mit k\u00fcnstlicher Intelligenz<\/a> mitzuwirken. Die Arbeitsgruppe der Hochschule ist dann bei uns vorbeigekommen und hat sich Brauerei und Brauanlage angeschaut, um sich \u00fcberhaupt zu informieren, wie der Prozess beim Bierbrauen abl\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n Moment, das hei\u00dft, das Team der Hochschule hatte zwar bereits eine Software zum Brauen von Bier mit k\u00fcnstlicher Intelligenz entwickelt, wusste aber noch gar nicht im Detail, wie das Bierbrauen praktisch funktioniert?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Die Studenten der KI-Arbeitsgruppe haben eben nach Anwendungen f\u00fcr ihre Software gesucht. W\u00e4hrend ihres Studiums haben sie bereits einen Rezeptgenerator f\u00fcr Speisen entwickelt. In diesem Projekt ging es um die Zusammenstellung eines Menus. Sie bekamen die Chance, in der Mensa der Hochschule Luzern vom dortigen K\u00fcchenchef ein komplettes Essen nach KI-Rezept herstellen zu lassen. Das hat hervorragend funktioniert, und am Abend beim Bier kam die Idee auf: \u201eWenn das f\u00fcr Essen gut funktioniert, dann wird das wohl f\u00fcr Getr\u00e4nke auch funktionieren!\u201c Und f\u00fcr das Bier haben sie sich entschieden, weil ihnen das selbst am meisten Spa\u00df machte. Bei ihren Recherchen ist die Arbeitsgruppe der Hochschule im Netz auf Bierrezepte gesto\u00dfen. Auf Basis dessen, was sie selbst aus diesen Rezepten interpretiert hatten, fingen sie an, ihre KI f\u00fcr Bier zu entwickeln<\/a>.<\/p>\n\n\n\n Der erste Wurf der KI war dann vielleicht auch noch etwas naiv. Das waren im Wesentlichen Malz- und Hopfenangaben in Prozent. Dass Temperaturen und Zeiten ebenfalls eine sehr wichtige Rolle beim Brauen spielen, das war den Leuten der Hochschule zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar.<\/p>\n\n\n\n Sie konnten dann in der Brauerei f\u00fcr Klarheit sorgen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Ganz genau, das Hochschulteam ist nach ihrem Besuch bei uns nochmal zur\u00fcck ins Labor gegangen, hat ihre KI-Software umgebaut und weiterentwickelt<\/a>. Nun kamen von der Zusammensetzung der Rohstoffe her \u201ebraubare\u201c Rezepte dabei heraus. Die KI ber\u00fccksichtigt jetzt z.B. auch die maximalen Anteile von Spezialmalzen und die Kochzeiten beim Hopfen. Eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr Version 2.0 wird noch darin bestehen, die Rasttemperaturen und -zeiten in die KI einzuarbeiten.<\/p>\n\n\n\n Und diesen zweiten Wurf der KI konnten Sie dann \u2013 abgesehen vom Maischeprogramm \u2013 gleich vollkommen \u00fcbernehmen und loslegen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Wir als Brauer mussten in einigen Details noch einige Parameter vorgeben. Den angestrebten Alkoholgehalt haben wir z.B. in unserer Brausoftware festgelegt. Es war zwar nicht so, dass die KI ein vollkommen fertiges Rezept ausgearbeitet h\u00e4tte, aber im Gro\u00dfen und Ganzen konnten wir das Rezept nach den Vorgaben der KI mit einigen Anpassungen entsprechend umsetzen.<\/p>\n\n\n\n Wahrscheinlich steckt die KI in diesem Bereich doch noch ein bisschen in den Kinderschuhen. Wir haben auch gepr\u00fcft, ob die KI bei ganz unterschiedlichen Bierstilen und -rezepten funktionierende Rezepte erzeugt. Bei einem ersten Blick auf 100 Rezepte, die uns die KI erstellt hat, konnten wir bei etwa 80 sagen: \u201eJa, die sehen gut aus, die k\u00f6nnen wir direkt so umsetzen!\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n Um welchen Bierstil handelt es sich bei dem KI-Bier \u201eDeeper\u201c?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Letztendlich haben wir uns f\u00fcr ein Session IPA<\/a> entschieden, weil wir unter 6 Vol.-% Alkohol bleiben wollten. Es ist ein typisch amerikanisches IPA, fruchtig, helle Farbe und sehr erfrischend. Die KI hat tats\u00e4chlich noch Laktose als Zutat vorgeschlagen, das ist vielleicht einer der wirklich spannenden Punkte an dem Rezept. Da w\u00e4ren wir selbst nicht draufgekommen. Die Laktose als nicht verg\u00e4rbarer Zucker gibt dem Bier noch etwas Rests\u00fc\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n Planen Sie bereits weitere Sude mit der Hochschule Luzern zusammen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Unsere Idee ist es, ein- oder zweimal im Jahr ein KI-Bier zu brauen<\/a>. Einen Sud, 500 Liter. Das Ziel soll sein, der KI nicht hineinzusprechen. Was sie an Rezepten ausgibt, wird gebraut. F\u00fcr unsere Kunden ist das sehr spannend, wenn sie wissen, dass wir mit Sicherheit immer wieder etwas Neues im Sortiment f\u00fchren, was sie noch nie getrunken haben.<\/p>\n\n\n\n Auf welcher Basis arbeitet denn die KI? Abstrakte Regeln oder konkrete Rezepte?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Die KI hat die Rezepte der https:\/\/www.brewersfriend.com\/<\/a> verarbeitet. Auf dieser Plattform tauschen sich Heim- und Hobbybrauer aus und teilen ihre Rezepte. Insgesamt sprechen wir da von rund 160 000 Rezepten, die die KI analysiert und in ihre Logik aufgenommen hat.<\/p>\n\n\n\n Also kann man fast schon von Schwarmintelligenz sprechen, die die Basis f\u00fcr die Rezepte der KI bildet.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Ja, das k\u00f6nnte man vielleicht sagen. Andererseits mussten wir auch feststellen, dass in manchen der Rezepte auch noch Fehler enthalten sind und man deshalb sehr vorsichtig mit den Rezepten sein muss. Auf der Plattform gibt es n\u00e4mlich letztlich keine Form der Qualit\u00e4tssicherung. Irgendjemand hat ein Rezept einmal eingestellt, aber ob das Ergebnis dann gut oder schlecht gelungen ist, dieser R\u00fcckgabewert ist auf brewersfriend.com nicht vorgesehen.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n W\u00e4re es m\u00f6glich, dass das die KI \u00fcberpr\u00fcft und dem Hobbybrauer eine Prognose mitteilt, ob seine Rezeptidee gut oder schlecht ist?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Wir hatten eine \u00e4hnliche Idee: Eine Datenbank speichert durch die KI generierte Bierrezepte. Wenn man das Bier nachbraut und verkostet, kann man der KI sozusagen sein Feedback geben. Mit diesem Feedback versetzt man die KI dann in die Lage zu lernen bzw. immer bessere Rezepte zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n Respektiv um noch einen Schritt weiterzugehen: Vielleicht kann man irgendwann auch fragen, wie das beste Pilsner-Rezept f\u00fcr die Region S\u00fcddeutschland aussieht. Denn hier ist der Geschmack ja wahrscheinlich anders ausgepr\u00e4gt als in der Schweiz beispielsweise.<\/p>\n\n\n\n Wie lautet Ihr Fazit zur Rezeptentwicklung mit k\u00fcnstlicher Intelligenz?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Inzwischen haben wir schon drei Sude von \u201eDeeper\u201c gebraut, und das Bier verkauft sich sehr gut! Ich w\u00fcrde es jedem Brauer empfehlen, sich einmal auf das Abenteuer KI-Bier einzulassen. Allein schon, weil es die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, Zutaten zu entdecken, auf die man vielleicht so nicht gekommen w\u00e4re. Ich hatte ja bereits die Idee der KI erw\u00e4hnt, dem Sud Laktose beizugeben. Daneben hat sie uns zwei Hopfensorten vorgeschlagen, deren Aromaprofil wir vorher absolut nicht kannten. So brachte uns die KI darauf, uns hier einzulesen und diese neuen Sorten f\u00fcr uns zu entdecken.<\/p>\n\n\n\n Herr Minnig, herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n Sie m\u00f6chten Ihre Entwicklungen und Innovationen der Getr\u00e4nkeindustrie einem internationalen Fachpublikum pr\u00e4sentieren? Dann laden wir Sie herzlich ein, an der n\u00e4chsten drinktec<\/a> vom 12. bis 16. September 2022 in M\u00fcnchen teilzunehmen.<\/p>\n\n\n\n Dieser Artikel ist powered by BRAUWELT<\/a>.<\/p>\nMN Brew \u2013 Craft-Beer-Brauerei aus der Schweiz<\/h2>\n\n\n\n

KI-Bier brauen dank Hochschulprojekt<\/h2>\n\n\n\n

Zehntausende Rezepte als KI-Datenbasis<\/h2>\n\n\n\n

Klare Empfehlung f\u00fcr Brauer<\/h2>\n\n\n\n
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