{"id":8527,"date":"2021-07-14T15:17:00","date_gmt":"2021-07-14T13:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/drinktec-blog.b-rex.de\/?p=8527"},"modified":"2021-07-14T15:17:01","modified_gmt":"2021-07-14T13:17:01","slug":"biertrends-welche-richtung-sollten-brauer-einschlagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/drinktec-blog.b-rex.de\/de\/bier\/biertrends-welche-richtung-sollten-brauer-einschlagen\/","title":{"rendered":"Biertrends \u2013 Welche Richtung sollten Brauer einschlagen?"},"content":{"rendered":"\n
Die Welt der Biere hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend ver\u00e4ndert. Angesichts des Wettbewerbs zwischen Hard Seltzer und Craft Bier, zwischen noch st\u00e4rkeren Bieren und alkoholfreien Getr\u00e4nken, und nicht zuletzt angesichts der disruptiven Wucht von Corona<\/a> stellen sich viele Brauer die Frage nach der Richtung, in die sie sich entwickeln sollten. Der renommierte Brauwissenschaftler Prof. Charles Bamforth beschreibt die heutige Situation und wagt einen Blick in die Zukunft.<\/strong><\/p>\n\n\n\n Durch seine jahrzehntelange Forschung machte sich der britische Wissenschaftler Charles Bamforth im Brauereisegment einen Namen. Bis Dezember 2018 hielt er eine Professur f\u00fcr M\u00e4lzerei und Brauereiwissenschaft an der University of California. Statt sich danach in den Ruhestand zu begeben, folgte er der Einladung von Kevin Grossman<\/a>, Gr\u00fcnder der Sierra Nevada Brewing Company, um das Unternehmen in Sachen Qualit\u00e4t zu beraten. Zur Einsch\u00e4tzung der Entwicklungen am Biermarkt gesteht er: \u201eIch w\u00fcrde l\u00fcgen, wenn ich sagen w\u00fcrde, dass ich einige der Entwicklungen, die sich in j\u00fcngster Zeit vor unseren Augen abgespielt haben, vorausgesehen h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n\n\n\n In den 1980ern war ich stolz darauf, f\u00fcr die Bass Brewing Company am Hauptsitz in Burton-on-Trent zu arbeiten. Als Leiter der Forschungsabteilung unterstand mir ein Team von mehr als 30 Wissenschaftlern. Dabei ging es mehr oder weniger um Grundlagenforschung, jedoch immer mit einer strategischen Ausrichtung. <\/p>\n\n\n\n H\u00e4tte ich damals vorgeschlagen, ein stark tr\u00fcbes Bier zu entwickeln, h\u00e4tte ich mir einen neuen Arbeitgeber suchen m\u00fcssen. Wir sahen es als unsere prim\u00e4re Aufgabe an, dass unsere Biere \u201eglanzfein\u201c ins Glas flossen, seien es die ber\u00fchmten, im Fass gereiften Ales oder unser in der Flasche gereiftes Worthington White Shield.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n Die Doktorarbeit einer unserer Mitarbeiterinnen konzentrierte sich darauf, die reichlich vorhandenen Hefesedimente<\/a> auf dem Boden der Flaschen m\u00f6glichst kompakt und haftend zu machen. Mittlerweise haben die manchmal \u00e4u\u00dferst tr\u00fcben \u201eEast Coast IPAs\u201c einen sehr gro\u00dfen Marktanteil in den Vereinigten Staaten erobert.<\/p>\n\n\n\n Damals stellten wir bei Bass au\u00dferdem moderne Getr\u00e4nkekonzepte her. Mit einer geschmacksneutralen Alkoholbasis als Grundlage f\u00fcr viele verschiedene aromatisierte Getr\u00e4nke<\/a>. Sehr erfolgreich war Hooper\u2019s Hooch, ein \u201eAlkopop\u201c mit Zitronengeschmack. Ein weiteres Getr\u00e4nk namens Coral schmeckte nach Maracuja und Papaya, es wurde mit einem Bild von aufblasbaren Papageien vermarktet. Dazu kam noch Flamingo, ein Getr\u00e4nk, das nach Erdbeeren schmeckte und durch enzymatisch abgebautes Eiwei\u00df Schaum entwickelte.<\/p>\n\n\n\n Eine ganze Reihe von F\u00fchrungskr\u00e4ften (und dazu z\u00e4hlte auch ich) standen dieser Entwicklung skeptisch gegen\u00fcber. Wenn ein Konsument derartige Fl\u00fcssigkeiten trinkt, kauft er kein Bier, was das Basisgesch\u00e4ft einer Brauerei ausmacht. Aber der Kunde entscheidet, und es w\u00e4re dumm, dieses Potenzial zu vernachl\u00e4ssigen. <\/p>\n\n\n\n Und vielleicht ziehen viele Konsumenten ein s\u00fc\u00dfes und fruchtiges Getr\u00e4nk einem vollmundigen britischen Bitter vor<\/a>. Erstere Getr\u00e4nke werden wohl eher von jungen und nicht ganz so verantwortungsbewussten Menschen konsumiert, die leicht zu beeindrucken sind.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n Vielleicht erweisen sich diese Alternativen als kurzlebig und sind nur eine Modeerscheinung, die sich genau so wenig auf dem Markt behaupten kann wie einige der gr\u00e4sslichen Biere, die dem unreflektierten Verbraucher in den letzten Jahren untergeschoben wurden. Da gibt es Biere mit Innereien, Biere mit absurd hohen Chiligehalten, Biere mit Erdnussbutter, Biere mit Speck. <\/p>\n<\/div>\n\n\n\n Und nun noch die erschreckende Entwicklung, Alkohol mit Marihuana anzubieten. Gegen Marihuana habe ich nichts, obwohl ich es pers\u00f6nlich nie zu mir genommen habe. Jedoch habe ich das mulmige Gef\u00fchl, dass derartige Mixturen \u2013 und weitere<\/a> groteske Gebr\u00e4ue<\/a>, die mittlerweile von neuen Entwicklungsprogrammen zusammengew\u00fcrfelt wurden \u2013 h\u00f6chstwahrscheinlich den wieder erwachten Verfechtern des Alkoholverbots in die H\u00e4nde spielen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n Ich hoffe, die Leser verzeihen mir, wenn ich zugebe, dass ich ein gro\u00dfer Fan von vielen Bieren bin, die sich nicht an das deutsche Reinheitsgebot<\/a> halten. Trotzdem behaupte ich, dass es viele Argumente f\u00fcr Malz, Hopfen, Hefe und Wasser gibt! F\u00fcr uns alle, die wir leidenschaftliche Bierliebhaber sind, ist es \u00e4u\u00dferst wichtig, das Bier und die Brauer gemeinsam zu feiern und die tief verankerte Rolle von Bier in unserer Gesellschaft zu st\u00e4rken. Initiativen wie die Beer & Cider Academy, das Cicerone-Programm und die Brewers of Europe m\u00fcssen eindeutige und verantwortungsvolle Botschaften \u00fcber die Vielf\u00e4ltigkeit von Bieren, Bier & Food Pairing und das Thema Bier und Gesundheit aussenden und ihre Angebote erweitern und vertiefen. Wir m\u00fcssen uns jedoch auch vor Augen halten, dass viele Brauer mittlerweile \u00fcber gro\u00dfe Kapazit\u00e4ten verf\u00fcgen. Wenn diese nicht von Bier in Anspruch genommen werden, werden sich die Brauer \u00fcberlegen, wie sie ihre Sudkessel verwenden k\u00f6nnen, wie z.B. zur Herstellung von alkoholhaltigen Apfelweinen.<\/p>\n\n\n\n Viele Brauer gehen auch zur Produktion von alkoholfreien und -armen Getr\u00e4nken <\/a>\u00fcber. Als ich noch bei Bass arbeitete, hatten wir unser Barbican. Geschmacklich war es zwar kein gro\u00dfer Renner, aber tats\u00e4chlich alkoholfrei (weniger als 0,05 Vol.-% Alk.). Es wurde mittels Vakuumstripping hergestellt. Ich pers\u00f6nlich bin nicht unbedingt ein gro\u00dfer Fan von alkoholfreien Bieren, f\u00fcr mich sind sie einfach nur wie koffeinfreier Kaffee. Warum sollte ich sie also trinken? Mich interessieren eher die alkoholarmen Biere mit 1,5\u20133 Vol.-%.<\/p>\n\n\n\n Als aktiver Sportler in meiner Zeit bei Bass liebte ich die lebhaften Wortgefechte im Pub nach einem Wettkampf. Und da ich anschlie\u00dfend fahren musste, bestellte ich ein kleines Helles \u2013 nat\u00fcrlich von Bass (4 Vol.-% Alk.) \u2013 gemischt mit einem kleinen Barbican in einem Halbliterglas. F\u00fcr mich war dies das perfekte Getr\u00e4nk. Und tats\u00e4chlich lieb\u00e4ugelten wir mit dem Konzept eines alkohol\u00e4rmeren Bieres in unserer Brauerei. Aber die Steuern machten uns einen Strich durch die Rechnung. Alle Getr\u00e4nke in Gro\u00dfbritannien unter 1,2 Vol.-% Alkohol waren steuerfrei. Das alkoholarme Bier, das wir schlie\u00dflich herstellten, hatte 0,9 Vol.-% (Tennent\u2019s LA). Es schmeckte zwar wesentlich schlechter als ein Bier mit 2 Vol.-% Alkohol, aber Steuerersparnis kann eine enorme Motivationskraft entwickeln.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n Kommen wir zur\u00fcck zu den Haupttriebfedern der Konsumenten: spontane Freude, Image, Gesundheit und Wohlbefinden, Kosten-Nutzen-Verh\u00e4ltnis und das, was ich salopp \u201eBaustellen\u201c nennen w\u00fcrde. Keine der nachfolgenden Fragen d\u00fcrfen wir aus den Augen verlieren, wenn wir uns die Brauwirtschaft der Zukunft vorstellen m\u00f6chten:<\/p>\n\n\n\n Alle oben angef\u00fchrten Aspekte sind im Kontext der globalen Bev\u00f6lkerungsentwicklung und der Umwelt zu erw\u00e4gen. Nur wenige Menschen \u2013 mit Ausnahme der von den Populisten Geblendeten \u2013 leugnen die globale Erw\u00e4rmung, die die Verf\u00fcgbarkeit der Rohstoffe gef\u00e4hrdet<\/a>. Man muss zweigleisig fahren: Einerseits sollte man den Klimawandel bek\u00e4mpfen und andererseits Sorten hoher Hitze- und Trockenresistenz anpflanzen. Und die Brauer m\u00fcssen Verfahren entwickeln, die sowohl Wasser- als auch Energieeinsatz und Emissionen reduzieren.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n Auch die Technik ist gefragt. Neue Entwicklungen hinsichtlich Sensoren, Kommunikationsmitteln und Werkstoffen sind absehbar. Und irgendwann werden wir auch die menschlichen Sinnesorgane besser verstehen, was zur Produktentwicklung und -optimierung beitragen wird. Wie k\u00f6nnen wir ein Getr\u00e4nk entwickeln, das bestimmte Speisen optimal begleitet? Wie stimmen wir die Ern\u00e4hrung (und dazu z\u00e4hlt auch Bier) speziell auf die genotypische und ph\u00e4notypische Auspr\u00e4gung eines Individuums ab?<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n W\u00fcrden wir in eine Brauerei des 15. Jahrhunderts zur\u00fcckversetzt, so k\u00f6nnten wir sofort anhand des Aussehens und des Geruchs erkennen, dass wir uns in einer Brauerei befinden. W\u00fcrden wir uns aber in das 26. Jahrhundert zoomen \u2026 w\u00fcrden wir eine Brauerei erkennen? Das will ich zwar hoffen, aber betr\u00e4chtliche Zweifel sind angesagt.<\/p>\n\n\n\n Sie m\u00f6chten Ihre Entwicklungen und Innovationen der Getr\u00e4nkeindustrie einem internationalen Fachpublikum pr\u00e4sentieren? Dann laden wir Sie herzlich ein, an der n\u00e4chsten drinktec<\/a> vom 12. bis 16. September 2022 in M\u00fcnchen teilzunehmen.<\/p>\n\n\n\n Dieser Artikel ist powered by BRAUWELT.<\/p>\nBrauereien und ihre Produkte \u2013 gestern, heute, morgen<\/h2>\n\n\n\n
Tr\u00fcbe Biere als Erfolgsrezept<\/h3>\n\n\n\n

Entwicklung alternativer Getr\u00e4nke<\/h3>\n\n\n\n

Vieles spricht noch immer f\u00fcr das Reinheitsgebot<\/h3>\n\n\n\n
Imagewandel f\u00fcr alkoholfreies und alkoholarmes Bier<\/h3>\n\n\n\n

Kurzer Blick in die Zukunft der Brauwirtschaft<\/h2>\n\n\n\n
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