{"id":3489,"date":"2018-07-04T17:16:56","date_gmt":"2018-07-04T15:16:56","guid":{"rendered":"http:\/\/drinktec-blog.b-rex.de\/?p=3489"},"modified":"2018-08-29T15:41:01","modified_gmt":"2018-08-29T13:41:01","slug":"zuckersteuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/drinktec-blog.b-rex.de\/de\/alkoholfreie-getraenke\/zuckersteuer\/","title":{"rendered":"Zuckersteuer auf Softdrinks: Hilfreich oder \u00fcberfl\u00fcssig?"},"content":{"rendered":"

Seit dem 6. April 2018 gibt es im Vereinigten K\u00f6nigreich eine Zuckersteuer auf stark gezuckerte Softdrinks, die die Hersteller zu tragen haben und die sie in der Regel an die Konsumenten weitergeben. Durch diese Steuer wurden zahlreiche Diskussionen zum Thema Zucker in Getr\u00e4nken angeregt \u2013 nicht nur innerhalb Gro\u00dfbritanniens.<\/strong><\/p>\n

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Das bereits im M\u00e4rz 2016 in Gro\u00dfbritannien verabschiedete Gesetz verpflichtet die Hersteller von Softdrinks f\u00fcr Produkte, denen mehr als f\u00fcnf Gramm Zucker pro 100 Milliliter zugesetzt wurde, je Liter 18 Pence (knapp 21 Cent) an Steuern zu bezahlen. Bei mehr als acht Gramm Zucker pro 100 Milliliter werden sogar 24 Pence je Liter f\u00e4llig. Laut der Verbraucherorganisation foodwatch<\/a> f\u00fchrte das Gesetz \u2013 noch bevor es in Kraft trat \u2013 dazu, dass der britische Marktf\u00fchrer Coca-Cola den Zuckergehalt seiner Softdrinks Fanta und Sprite von 6,9 Gramm auf 4,6 Gramm bzw. von 6,6 Gramm auf 3,3 Gramm senkte und auch der zweitgr\u00f6\u00dfte Erfrischungsgetr\u00e4nkehersteller Gro\u00dfbritanniens, Britvic, den Zuckergehalt seiner Eigenmarken derart stark reduzierte, dass 94 Prozent hiervon nicht von der Abgabe erfasst werden. Au\u00dferdem reagierten die Handelsunternehmen Tesco und Lidl z\u00fcgig und stellten durch Rezeptur\u00e4nderungen bei ihren Eigenmarken sicher, dass auch diese nicht besteuert werden. Als Ergebnis korrigierte das Office for Budget Responsibility (OBR), das den britischen Staatshaushalt \u00fcberwacht, die f\u00fcr 2018 bis 2019 durch die neue Steuer gesch\u00e4tzten Einnahmen von urspr\u00fcnglich berechneten 520 Millionen Pfund auf etwa 240 Millionen Pfund. Gr\u00fcnde genug f\u00fcr foodwatch, eine solche Steuer auch f\u00fcr Deutschland zu bef\u00fcrworten. Was ganz im Sinne der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist, die Zucker in Getr\u00e4nken als eine der Hauptursachen f\u00fcr Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes bezeichnet.<\/p>\n

Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getr\u00e4nke pocht auf Eigenverantwortung<\/strong><\/h2>\n

Die Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getr\u00e4nke (wafg) sieht das v\u00f6llig anders. Die Meinung dort: \u201eVerbrauchssteuern auf einzelne Produkte bzw. N\u00e4hrstoffe wie Zucker sind kein sinnvolles Instrument zur gezielten Bek\u00e4mpfung von Adipositas. Krankhaftes \u00dcbergewicht bedarf ernsthafter Behandlung statt Kampagnen.\u201c Au\u00dferdem verweist die Wirtschaftsvereinigung darauf, dass der Verbraucher in Deutschland auch ohne derartige Reglementierungen immer weniger zu stark zuckerhaltigen Getr\u00e4nken greift. Statistische Daten best\u00e4tigen das. Lag der Konsum zuckerhaltiger Limonaden einschlie\u00dflich der klassischen Cola- und Cola-Mix-Getr\u00e4nke pro Kopf in Deutschland im Jahr 2016 beispielsweise noch bei 64,5 Litern, betrug er 2017 nur mehr 62,1 Liter.<\/p>\n

Die deutschen Verbraucher scheinen in Hinblick auf die Wirksamkeit einer Steuer auf Zucker in Getr\u00e4nken indes keine ausgesprochen klare Meinung zu haben. Gem\u00e4\u00df einer j\u00fcngst von foodwatch beauftragten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov sprachen sich von insgesamt 2000 erwachsenen Teilnehmern 52 Prozent und damit nur eine \u00e4u\u00dferst knappe Mehrheit f\u00fcr eine \u201eLimo-Steuer\u201c aus. Jedoch sind sich 75 Prozent der deutschen Verbraucher von kohlens\u00e4urehaltigen Softdrinks einer Mintel-Studie zufolge dar\u00fcber einig, dass Hersteller mehr tun sollten, um den Zucker in ihren Produkten zu reduzieren.<\/p>\n

Internationale Erfahrungen mit der Zuckersteuer mehrheitlich positiv<\/strong><\/h2>\n

Nicht nur deutschland-, sondern auch europa- und weltweit wird die Sinnhaftigkeit einer Abgabe auf stark zuckerhaltige Softdrinks derzeit divers diskutiert \u2013 unter Einbeziehung von gesammelten Erfahrungen, denn in zahlreichen L\u00e4ndern kommt sie neben dem Vereinigten K\u00f6nigreich schon zum Tragen. So zum Beispiel in Portugal, Estland, Belgien, Norwegen, Frankreich, Ungarn, aber auch in Mexiko, S\u00fcdafrika sowie in verschiedenen US-Staaten.<\/p>\n

Beispielsweise f\u00e4llt in Mexiko f\u00fcr Softdrinks seit dem Jahr 2014 ein Peso pro Liter an, was in etwa einer zehnprozentigen Steuer entspricht. Angeblich kauften die Mexikaner im ersten Jahr der Besteuerung sechs Prozent, im zweiten Jahr um die zehn Prozent weniger an stark zuckerhaltigen Getr\u00e4nken ein. In der kalifornischen Stadt Berkeley, die 2015 als eine der ersten St\u00e4dte innerhalb der USA eine Softdrink-Steuer realisierte, sank der Konsum bei Niedrigverdienern durch eine 15- bis 25-prozentige Besteuerung von zuckerges\u00fc\u00dften Getr\u00e4nken bereits im Jahr der Einf\u00fchrung um 21 Prozent. Das portugiesische Gesundheitsministerium spricht davon, dass sich der Verbrauch der am st\u00e4rksten zuckerhaltigen Getr\u00e4nke 2017, also in dem Jahr, in dem die Steuer auf zuckerhaltige Produkte dort erstmals zum Tragen kam, halbierte. Der R\u00fcckgang ging hier jedoch \u2013 ebenso wie in Gro\u00dfbritannien \u2013 zu einem gro\u00dfen Teil auf Rezeptur\u00e4nderungen zur\u00fcck. In Ungarn verminderten laut WHO nach Einf\u00fchrung der Abgabe etwa ein F\u00fcnftel der Einwohner ihren Softdrinkkonsum. Doch es gibt auch Beispiele, die nicht von Erfolg zeugen. So schaffte D\u00e4nemark die Softdrinksteuer wieder ab, weil Konsumenten nach Schweden oder Deutschland auswichen.<\/p>\n

Vorteile einer proportionalen Steuer <\/strong><\/h2>\n

Gesundheits\u00f6konom Renke Schmacker vom Deutschen Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung<\/a> besch\u00e4ftigt sich intensiv mit dem Thema der Steuererhebung auf zuckerges\u00fc\u00dfte Getr\u00e4nke und meint, dass sie durchaus zu einer Verminderung von deren Konsum f\u00fchren kann. Eine besonders gute Steuerungswirkung d\u00fcrfte seiner Meinung nach eine proportionale Steuer, wie sie im April 2018 in S\u00fcdafrika eingef\u00fchrt wurde, auf den Zuckergehalt in Getr\u00e4nken entfalten. Hier sind die ersten vier Gramm Zucker pro 100 Milliliter Getr\u00e4nk steuerfrei, danach wird jedes zus\u00e4tzliche Gramm mit zwei s\u00fcdafrikanischen Cents besteuert. \u201eDer Vorteil liegt darin, dass die Hersteller einen kontinuierlichen Anreiz haben, den Zuckergehalt zu senken und es so keine H\u00e4ufung knapp unterhalb der Schwellenwerte geben kann\u201c, meint Schmacker. Seiner Meinung nach k\u00f6nnte sich eine Softdrinksteuer auch stark auf die k\u00fcnftigen Konsumgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen auswirken, da sie ihren Geschmack noch ausbilden. \u00dcbrigens: Auch Gro\u00dfbritannien scheint vor allem an diese Zielgruppe zu denken. Das zeigt sich daran, dass die Regierung mit dem durch die Besteuerung auf stark zuckerhaltige Getr\u00e4nke erwirtschafteten Einnahmen insbesondere den Schulsport f\u00f6rdern m\u00f6chte.<\/p>\n

K\u00fcnstliche S\u00fc\u00dfstoffe\u2026<\/strong><\/h2>\n

Das alles macht zun\u00e4chst einmal glauben, dass Zuckersteuer und Gesundheit in der Tat Hand in Hand gehen k\u00f6nnen. Allerdings, und das ist f\u00fcr viele ein Wermutstropfen, wird Zucker in Softdrinks, die in ihrer urspr\u00fcnglichen Form der Besteuerung unterl\u00e4gen, h\u00e4ufig durch k\u00fcnstliche S\u00fc\u00dfstoffe ersetzt. Einer Mintel-Studie zufolge sind jedoch 25 Prozent der franz\u00f6sischen, 29 Prozent der deutschen, 22 Prozent der italienischen, 27 Prozent der spanischen und 30 Prozent der polnischen Verbraucher der Meinung, dass k\u00fcnstliche S\u00fc\u00dfstoffe in Getr\u00e4nken l\u00e4ngst nicht so gut schmecken wie Zucker. Ganz abgesehen davon, dass k\u00fcnstliche S\u00fc\u00dfstoffe nicht gerade als gesundheitsf\u00f6rdernd gelten. Eine Untersuchung, die 2017 im \u201eCanadian Medical Association Journal\u201c ver\u00f6ffentlicht wurde, zeigte einmal mehr, dass der t\u00e4gliche Verzehr von S\u00fc\u00dfstoff das Risiko f\u00fcr Gewichtszunahme, Diabetes und Herzkrankheiten erh\u00f6ht.<\/p>\n

\u2026contra nat\u00fcrliche kalorienarme S\u00fc\u00dfung<\/strong><\/h2>\n

K\u00fcnftig k\u00f6nnte eine L\u00f6sung lauten, verst\u00e4rkt auf nat\u00fcrliche kalorienarme S\u00fc\u00dfungskonzepte<\/a> zu setzen. In diese Richtung immer wieder neu zu denken, ist gerade vor dem Hintergrund einer zunehmenden Gesundheitsorientierung der Verbraucher eine wesentliche Aufgabe f\u00fcr die Softdrinkbranche. Beispielsweise steht mit Stevioglycosiden, den s\u00fc\u00dfenden Komponenten der Stevia-Pflanze, eine interessante M\u00f6glichkeit bereit. Au\u00dferdem k\u00f6nnen Frucht- oder Gem\u00fcsekonzentrate die gew\u00fcnschte S\u00fc\u00dfe liefern. Laut Mintel kommt ein neuer Trend aus den USA. Hier sind nat\u00fcrliche, aber kreativ aromatisierte Sprudelwasser im Trend. Jenny Zegler, Associate Director Mintel Food & Drink: \u201eDer Wunsch von Verbrauchern nach zuckerfreien, aber trotzdem gut schmeckenden Getr\u00e4nken treibt diesen Trend an. Augenblicklich erreicht Innovation in diesem Bereich neue H\u00f6hen. Diesen Sommer k\u00f6nnen wir weniger Limo und mehr originelle und fast verr\u00fcckte Mineralw\u00e4sser erwarten. Beispielsweise wurde europaweit ein mit Spirulina aromatisiertes und damit blau gef\u00e4rbtes kohlens\u00e4urehaltiges Wasser eingef\u00fchrt und in Japan gibt es seit Neuestem ein mit gr\u00fcnem Kaffee-Extrakt, Kaffeekirschen und Kokos verfeinertes Mineralwasser.\u201c<\/p>\n

S\u00fc\u00dfungskonzepte als Erfolgsbaustein f\u00fcr Softdrinks<\/strong><\/h2>\n

Generell ist zu erwarten, dass S\u00fc\u00dfungskonzepte in Zukunft einen noch wesentlicheren Anteil am Erfolg von alkoholfreien Softdrinks haben werden. Ob dann noch eine Zuckersteuer n\u00f6tig ist oder der Verbraucher aufgrund seines ver\u00e4nderten Nachfrageverhaltens die Getr\u00e4nkebranche in Hinblick auf Zuckerreduzierung zur Gen\u00fcge beeinflussen kann, das wird die Zeit zeigen und sich wahrscheinlich auch von Region zu Region unterschiedlich darstellen.<\/p>\n